
#3 – Nervenspannung & Neustart
Ach du meine Güte! Heirate mich und schrei mich dann an, dass ich nicht genug im Haushalt mache, aber ist gerade echt mal nur ein Monat vergangen? Ich hatte gefühlt im Januar mehr Zusammenbrüche als die Brücken in den USA pro Jahr. Probleme, die sich stapeln, Panikattacken, die wie deine Mutter einfach ungekündigt kommen und Ängste, die sich aufplustern wie ein Pfau, wenn er sich ein Chick klarmachen will. Naja, dann ist es wohl so weit, Kinder, setzt euch auf den sperrigen, kalten Boden. Papa Cuong erzählt euch wat von seinen psychischen Problemen – Yaaaayy!
*Psychische Probleme sollten bitte niemals ignoriert werden und im Idealfall behandelt werden. Bei Fragen wenden Sie sich an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder Ihre Apotheke – nein, im Ernst, ignoriert es bitte nicht.*
1. Es war einmal der erste Domino-Stein
Ehrlich gesagt ist jeder Start des Jahres für mich persönlich etwas Schwieriges. Das Wetter ist kalt und der Himmel ist so dunkel wie ein illegaler Kinostream auf Kino.to.
Aber legen wir mal die Hose auf den Drehstuhl: Mein Bankkonto im Januar sieht leerer aus als das von einem Illu-Student:in nach dessen Abschluss. Januar ist ein verdammter Monat, nicht nur, dass man weniger Cash-Money macht – nein! Die ganzen Ausgaben sind extrem hoch, weil z. B. alle Jahresabo-Beiträge abgezogen werden. Bevor ihr mir jetzt in den Ohren „Aber Cuong, wenn du das schon weißt, warum …“ flüstert – ja! Ich weiß. Natürlich lege ich ab November genug beiseite, um die harten Monate zu überleben, aber es kommen immer neue Kosten dazu – Schlimmer! Oft sind es ungeplante Kosten. Beiträge werden dir grundlos erhöht, Projekte benötigen doch mehr Geld als bei der Vorkalkulation oder du siehst einen Anzug, der dir sehr gefällt, und du musst ihn unbedingt haben – alles schon passiert.
Auf was ich aber eigentlich hinaus will, ist, dass solche unvorhergesehenen Situationen bei mir verrückte Gedanken erwecken. Dass ich sowas wie all mein Geld auf einen Schlag verliere werde, dass ich keine Rechnungen mehr zahlen kann und dann nimmt mir einer alles weg: meinen Laden, meine Wohnung, meinen neuen Anzug … Menschen hören auf, dir zu folgen, hinter dir zu stehen, weil du versagt hast. Meine Eltern, die eh nichts von meinem Job halten, dann „siehst du, wärst du besser Anwalt geworden“ sagen, meine Kolleg:innen, die mir nicht mehr vertrauen. All diese Überlegungen und noch viel mehr kommen mir in den Kopf. Es ist eine Spirale an wirren Gedanken in einem leeren Raum, die mich mental tiefer runterzieht, als die Titanic sinken kann.
Eigentlich kann ich das immer gut bewältigen, weil ich die Theorie des pinken Elefanten im Raum befolge, oder auf Spanisch „A Elefantos en Raumos“. Und nein, ich spreche nicht in meinen Wahn mit einem pinken Elefanten, das mache ich nur in meiner Freizeit, wenn wir zusammen bowlen gehen. Der pinke Elefant dient eher als Metapher: Der Elefant sind deine Gedanken bzw. irrationale Vorstellungen, die du dir machst. Dir soll klar werden, dass das nicht real ist, dass nur du diese wirren Bedenken hast und dir damit selbst schadest und Druck machst.
Und in der Regel funktioniert es meistens und ich beruhige mich nach einer Zeit. Es ist dennoch nicht einfach, aus solchen beklemmenden Gefühlslagen rauszukommen, aber der Elefant wird oft entrüsselt.
Diesmal ist es ein bisschen anders. Es hat Anfangs funktioniert, bis ich in eine Situation kam, wo ich wirklich was Wichtiges „verloren“ habe und realisiert habe, dass alles unvorhergesehen schnell passieren kann. So ist der erste Stein gefallen und der Whumps wurde zum Rollen gebracht. Ich wurde mit dem Thema Verlust konfrontiert. Mir wurde klar, dass all die Dinge, wovor ich Angst habe, sie zu verlieren, ich in der Theorie bis Ende des Jahres wirklich verlieren kann – und der pinke Rüssel hat mich wieder am Hals, Alter!
2. Verlieren, aber in echt
Einen ganzen Monat, während meine Stifte in den Schubladen bleiben durften, Photoshop pausieren musste, Pages-Dokumente sich schlafen legen konnte und meine Kasse nur das Minimum machte, habe ich an die Decke mit dem goldenen Stuck gestarrt und versucht, meine Gedanken zu ordnen und meine Panikattacken bloß nicht filmreif zu machen. Bevor ihr euch denkt: „Was stellst du dich so an, jeder verliert was“ oder „Ach Bruder, das sind doch nur Vorstellungen“ – erläutere ich euch gerne, warum meine Bedenken gar nicht so weit von der Realität entfernt ist.
Ich habe jetzt drei Jahre damit verbracht, den Laden zu pflegen, einen Arbeitsrhythmus zu kreieren und feste Abläufe zu manifestieren, und nachdem ich das endlich geschafft habe, kann es nächstes Jahr zu Ende sein. Das Haus, in dem mein Laden ist, wird gerade zwangsversteigert und mein Vertrag läuft nächstes Jahr ab. Es gibt weder Mietschutz für Gewerbe, noch habe ich eine Garantie, dass ich weiter bleiben darf. Ich habe zwar immer gesagt, dass ich ja alles einpacken kann und es irgendwo anders wieder eröffnen kann, weil die Idee und das Konzept weiterbesteht. Natürlich einfacher gesagt als getan, denn seien wir ehrlich, wie einfach findest du schon eine geeignete Mietfläche für dein Vorhaben? Und das ist noch der einfache Part. Wo kriegst du noch eine geeigneten Raum in Berlin, die du auch bezahlen kannst – danke CDU! Stell dir vor, du machst dir den besten Burger, den es gibt, und dann kommt dein Hund vorbei, klaut ihn dir und frisst ihn vor deinen Augen auf – so oder so ähnlich wäre die Situation mit meinem Market gerade.
Mann, bin ich aber froh, dass der Rummel hier läuft, und irgendwie ist der Laden ehrlich gesagt das Einzige in meinem Leben, was wirklich stabil ist. Steuern wir da etwa auf meine zweite Verlustangst an? Aber bitte einsteigen, ey!
Da der Laden jetzt so langsam ein Selbstläufer ist, wollte ich wieder mit größeren Projekten anfangen, also startete ich Anfang des Jahres mit meinem Buchprojekt. Mir wurde schnell klar, dass meine Illus und Zeichnungen irgendwie kacke aussehen. Bzw. ich mochte sie einfach nicht, und dann kam es zu einer Abwärtsspirale an Gedanken von: „Okay, sind alle meine Werke eigentlich so scheiße?“ Ich habe letztes Jahr schon mit einem Kollegen darüber geredet, dass meine Arbeiten im Vergleich zu denen meiner anderen Kolleg:innen aus der illustrativen Perspektive echt nichts Besonderes sind. Ich achte mehr auf Komposition, Details und dass sie ästhetisch sind, eine Metaebene o. Ä. packe ich aber nie mit rein.
Jeder Illustrator, jede Illustratorin kommt wahrscheinlich an einen Punkt in der Karriere, wo man alles hinterfragt, und da bin ich. Zumindest ist es gerade so bei mir, dass ich mich täglich in Gedanken verliere, wenn ich zeichne, und mich ständig frage, ob sich mein künstlerisches Ich noch weiterentwickelt. Die Angst, nicht mehr an seine Fähigkeiten glauben zu können und seine Passion zu verlieren, ist gerade irgendwie mit am schlimmsten. Ich weiß nicht, ob eine Pause mir guttun würde, weil das die ganze Zeit meine Freunde sagen.
Naja, vllt. sollte ich aufhören zu arbeiten, damit Papa Merz was zu meckern hat, aber nicht zu arbeiten ist irgendwie nicht mein Ding und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass es mein Lösungsansatz wäre.
3. Wer bist du, wenn du nicht arbeitest?
Tatsächlich war das schon letztes Jahr oft ein Gedanke, sich etwas mehr zurückzunehmen und herauszufinden, wer du eigentlich bist und willst. Mehr Zeit zu nehmen, wie z. B. für Freunde und Familie, neuer Vorsatz, wir erinnern uns.
Was wäre da perfekter als ein neuer Start in einer komplett neuen Umgebung? Najaaaaa, fast neue Umgebung. Anspielung: Ich habe eine neue Wohnung, die nur 2 Minuten zu Fuß von meiner Arbeit entfernt ist. Ich bewege mich keinen Kilometer mehr aus meinem Kiez raus.
Nun denn, ich habe jetzt vier neue Wände, einen Rückzugsort, der nur mir gehört, den ich selbst gestalten kann, wie ich es will. Und eins wurde mir schnell klar: Renovierungsarbeiten und neue Möbel sind teuer, alter.
Was mich eigentlich genau zu dem Punkt zurückbringt, dass ich wieder arbeiten muss, um alles zu zahlen. Verrückt, oder? Das Leben dreht sich echt viel um Geld, ich weiß, mega krasse Erkenntnis gerade, gib mir dafür einen Nobelpreis bitte.
Ich will es mir schön einrichten, ich will es mir gemütlich einrichten, aber was dann danach?
In meiner neuen Wohnung gibt es ein striktes Arbeitsverbot, es soll ein privater Rückzugsort sein, wo meine bösen, kleinen Illustrator:innen mich nicht erreichen können. Der Laptop und alle Arbeitsmaterialien bleiben im Studio. Das hat aber gerade zur Folge, dass ich nicht weiß, was ich daheim mit mir anzufangen habe. Ich lebe schon lange für mich alleine, aber ich habe immer irgendwie zusätzlich daheim gearbeitet, und das Einzige, was ich gefühlt alleine privat mache, ist pumpen gehen, deswegen auch der Bizeps, Leude.
Meine Wohnung ist so nah an meiner Arbeit und gleich neben meiner Stammbar, dass meine Tage entweder so aussehen, dass ich Leute zu mir einlade, damit ich mich nicht mit mir selber beschäftigen muss, oder ich zieh mich an und gehe zurück ins Studio, oder ich binde mir ein paar Bierchen in meiner Stammbar in die Getriebe. Traurig, oder?
Zurzeit weiß ich also gerade nicht wirklich, wer ich bin. Es ist einerseits alles möglich, aber gefühlt ist auch alles verschlossen. Mein Privatleben ist ein reinstes Chaos und die einzige Tür, die mir gerade offen steht, ist irgendwie die Tür zu meinem Laden – scheiße, jetzt kriege ich in dem Moment Panik, dass ich meine Schlüssel irgendwo verliere.
4. Was nun, Herr Bui Manh
Es waren und sind gerade so viele Fragen offen, Gedanken müssen noch richtig geordnet werden, und natürlich ist eines der ersten Dinge, die ich gemacht habe, professionelle Hilfe zu suchen, die mir mit Expertise hilft, meine Ansichten und Bedenken zu ordnen und einen Weg mit mir gemeinsam zu finden, der sich richtig anfühlt.
Kontinuierlich schreibe ich mir Dinge auf, die mir durch den Kopf gehen – meine Überlegungen, meine Emotionen und Endziele für mein Leben. Mann, mann, mann, wird das mal später ein toll illustriertes Buch, ey.
Das, was ich brauche, ist ein Neuanfang und eine neue Leidenschaft, die zu mir passt und Spaß macht. Ein Neustart, aber ohne das zu verlieren und aufzugeben, was ich mir aufgebaut habe – werde also jetzt safe kein Yoga-Guru auf Bali oder so. Ich koche gerade sehr viel, immer noch viel für andere. In der Zukunft will ich das aber mehr nur für mich machen, weil ich anfangen will, selbst Rezepte zu entwickeln und besser zu werden.
Und was ich dann weiteres machen kann, das sehen wir dann. Die Wohnung muss auch noch nach meiner Vorstellung eingerichtet werden, aber da fehlt mir leider das Bürgergeld – ey, aber ohne Fleiß kein Reis. Es kommt eh alles mit der Zeit.
Der Hauptfokus gerade liegt darauf, sich auf sich selbst zu konzentrieren und glücklich mit sich selbst zu werden, irgendwie Ruhe zu finden und die Ängste zu kontrollieren. Aber eins: Es ist lustig, wie sich Verlustängste entwickelt haben. So stark war es zumindest noch nie – ich hatte eigentlich in meinem Leben nie etwas, das ich einfach so verlieren konnte, und seitdem ich etwas habe, das man wirklich verlieren kann, habe ich umso mehr Angst, gezwungen zu werden, Dinge, die mir wichtig sind, loszulassen.
Und ganz zum Schluss:
Falls ihr Ängste o. Ä. habt, könnt ihr darüber reden – ob Therapeut:in, Freunde, Familie – das kann wirklich helfen. Danke fürs Lesen – lieb euch alle.